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Urlauberkirchen am Meer begeistern Touristen als spirituelle Orte der Ruhe und Besinnung

epd-Meldung - Nachricht 01. August 2019

Sonne, Strand und Segen: Wenn der Urlaub anbricht, bleibt Zeit zum Nachdenken. Die Gedanken kreisen. Dankbarkeit, aber auch Trauer, Ängste und Sorgen können hoch kommen. Die Urlauberkapelle in Cuxhaven ist ein Ort, um sie zur Sprache zu bringen, um loslassen zu können.

Urlauberseelsorge_Cuxhaven_Segnung Maike Selmayr
Die evangelische Urlauberpastorin Maike Selmayr segnet am 27.07.2019 in der Urlauberkapelle in Cuxhaven-Duhnen Familie Heinemann, die seit 15 Jahren nach Cuxhaven in den Urlaub kommt und für die die Kapelle eigenen Worten zufolge ein zweites Zuhause geworden ist. Foto: Dieter Sell (epd-Bild)

Cuxhaven/Schillig. Über der Urlauberkapelle in Cuxhaven-Duhnen wölbt sich ein blauer Himmel, der an diesem Tag nicht strahlender sein könnte. Am Fuß des Glockenturms fiebert die Hochzeitsgesellschaft dem Moment entgegen, den Braut und Bräutigam bestimmen. Dann geben Nathalie Kulmsee und Ulrich Wellmann das Zeichen - über den Köpfen steigen weiße Ballons in den Himmel, begleitet von einem roten Herzen. Kurz zuvor hat sich das Urlauberpaar das Ja-Wort gegeben. Sie mit einem Brautstrauß aus Muscheln, er mit einem Seestern am Revers. Und ganz bewusst in der Urlauberkapelle, die an der Nordseeküste einzigartig ist.

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"Ich kenne Cuxhaven von Kindesbeinen an, ich habe hier oft Urlaub gemacht", sagt Nathalie Kulmsee. "Die Weite über dem Wasser, die Wellen, der Horizont, die Natur - das passt zu uns", schwärmt sie von dem Nordseeheilbad, das die Erzieherin aus Unna mit ihrem nun frisch angetrauten Ehemann seit vielen Jahren besucht.

Und die Urlauberkapelle steht eben nur ein paar Schritte vom Duhner Strand entfernt, der den Blick freigibt auf Wattenmeer und Ozeanriesen, die von und nach Hamburg kommend Cuxhaven passieren - mit jährlich rund 3,8 Millionen Übernachtungen einer der touristischen Hotspots an der Küste. Die Kapelle ist gleichzeitig das älteste Gebäude im Ort, 1860 als Scheune erbaut.

Das sieht man dem Haus auch an, denn der Gottesdienstraum erinnert an eine Bauerndiele. 1952 wurde das Gebäude von der evangelischen Kirche gekauft und ist mittlerweile ohne Ortsgemeinde ganz und gar der Urlauberseelsorge gewidmet - als einzige Kirche an der Nordsee zwischen den Niederlanden und Dänemark. Sie ist ganzjährig von 10 bis 18 Uhr geöffnet und bietet auch im größten Trubel der Hochsaison einen Ort der Stille. In nächster Zeit soll sie saniert und erweitert werden.

"Die Kapelle ist ein Magnet für Touristen", hat die evangelische Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr erfahren. "Draußen tobt das Leben, drinnen öffnet sich ein Ruheraum", beschreibt die Pastorin den Ort, an dem sie seit sechs Jahren arbeitet. Sie führt zwar kein Buch über die Zahl der Gäste, die in die Kapelle kommen. Doch die Kerzen, die Besucher im vergangenen Jahr in ein hölzernes Segens-Schiffchen namens "Hoffnung" gestellt haben, gibt einen Hinweis: "Es waren 20.000 - und auch in diesem Jahr werden es wieder viele."

Oft kommen Besucher zu Beginn ihres Urlaubs in die Kapelle und zünden eine Kerze nach einer guten Anreise an, am Ende des Urlaubs nicht selten verbunden mit einem Dank für eine erholsame Zeit. Dazwischen können Gäste in der Kapelle an Gottesdiensten, Vorträgen, Konzerten und geistlichen Lesungen teilnehmen, die im Programm unter anderem als "Kraftquelle" oder als "Nahrung für Herz und Hirn" auftauchen. "Besonders beliebt sind allabendlich die Gute-Nacht-Geschichten für Kinder, Eltern und Großeltern", ergänzt Selmayr.

Teils seitenweise vertrauen sich Besucher dem Gästebuch an, bitten Gott unter dem Dach der Kapelle um Gesundheit, einen Arbeitsplatz, danken für langjähriges Eheglück, formulieren sogar Liebesbriefe. Mehrfach wird die Kapelle als "Zufluchtsort für die Seele" beschrieben.

"Wenn ich diesen Raum betrete, fallen alle Sorgen von mir ab", hat Stefanie notiert. Jesse dankt, "dass man in der Urlaubshektik hier Luft holen kann". Ohne einen Namen steht ein paar Seiten weiter der Satz: "Gott, lass diesen Urlaub gut werden, gib, dass ich Ruhe finden kann und Frieden." Ein anderer hat offensichtlich in höchster Not geschrieben: "Hilf mir Gott - oder ich mache Schluss."

"Wenn der Alltag in den Hintergrund rückt, bleibt Zeit zum Nachdenken, die Gedanken kreisen", meint Selmayr. "Dann können Dankbarkeit hochkommen, aber auch Trauer, Ängste und Sorgen - die Kapelle ist der richtige Ort, dies alles vor Gott zu bringen", betont die Seelsorgerin. Eine ähnliche Erfahrung macht ihr katholischer Kollege Lars-Jörg Bratke in der "Kirche am Meer" in Schillig oberhalb von Wilhelmshaven, zu der anders als in Duhnen eine Ortsgemeinde gehört. Er spricht von "Seelenproviant", den die Urlauberkirchen bereit hielten.

Segnungen, die Hand verbunden mit einem biblischen Wort auflegen - sie spielen nach den Erfahrungen von Maike Selmayr dabei eine zentrale Rolle. Das gilt für einzelne Besucher genauso wie für Paare und Familien wie Friedhelm, Silke und Lea Heinemann, die an diesem Nachmittag zusammen mit den Brautleuten in einem Segenskreis stehen.

"Segen bedeutet für uns Stärkung", sagt Vater Heinemann, der mit seiner Familie aus dem Oberbergischen Land angereist ist - wie schon seit 15 Jahren. Er sieht eine direkte Verbindung zur Kapelle als Raum: "Hier kann man abgeben, hier weht der Geist Gottes." Und Silke Heinemann bekräftigt: "Wenn ich in die Kapelle komme, habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause."

Manchmal bitten Gottesdienstbesucher Selmayr noch am Ausgang, dass sie spontan einen Segen spendet. Vielleicht war es ein solcher Segen, verbunden mit Sonne und Strand, der eine Urlauberin später ins Gästebuch schreiben ließ: "Meine Seele hat Flügel bekommen. Es war wunderschön."

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen Dieter Sell

 

epd-Meldung im Juli 2018

 

Urlauberseelsorgerin hilft
bei Krisen und Konflikten

Foto: epd-bild/Dieter Sell

Regelmäßig feiert Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr eine abendliche Strandandacht.

 

Maike Selmayr organisiert als Urlaubspastorin in Cuxhaven vor allem in der Ferienzeit Andachten, Gottesdienste, und Musikangebote für die Feriengäste sowie Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder. Und Maike Selmayr ist natürlich auch als Seelsorgerin für die Menschen da.

 

Gerade "die schönste Zeit des Jahres" ist nach den Erfahrungen der evangelischen Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr für einige Erholungssuchende mit Belastungen verbunden. Während die einen zur Ruhe kommen könnten, fielen andere in der Stille plötzlich in ein Loch, sagte Selmayr dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Sie merken dann: Die Sorgen habe ich leider nicht zu Hause gelassen, sie holen mich am Urlaubsort ein." Enttäuschung komme dann auch auf, weil sich die Erholung nicht einstelle. Im Gegenteil: "Ich merke, da muss ich selber erst mal an mir arbeiten. Oder Trauer kommt hoch, weil man jemanden verloren hat."

 

Das gelte längst nicht für jeden, aber in besonderem Maße für Menschen, die aus einer Belastungssituation kämen oder bei denen am Urlaubsort ein lange verdeckter Konflikt aufbreche. Oft gehe es um den Verlust eines geliebten Menschen, um Stress in der Beziehung oder in der Familie. Viele seien hilflos, wenn sie sich beispielsweise mit dem Partner oder den Kindern wieder versöhnen wollten. Dann kämen am Urlaubsort die Fragen hoch: "Wie gehe ich damit um, wenn ich in einer Beziehung scheitere? Wie kann ich mir und dem anderen vergeben? Wie kann ich sagen: Es tut mir leid?"

 

In Andachten der Urlauberseelsorge gebe sie dazu Impulse und stehe auch zu persönlichen Gesprächen zur Verfügung. So habe sie vor kurzem mit einer Urlauberin über die schwere Krankheit einer Freundin und den Tod eines anderen Freundes gesprochen. "Da war es gut, dass sie rauslassen konnte, was sie bedrückt." Das wolle im Alltag selten jemand hören. "Menschen bleiben gerade mit belastenden seelischen Eindrücken oft alleine."

 

Es gehe dann nicht um Ratschläge, betonte Selmayr. "Hinhören ist gefragt. Ehrlich hinschauen: Wo fehlt es an Liebe zu anderen, zu Gott oder auch zu mir selbst? Manchmal hilft es schon, wenn jemand einfühlsam zuhört und sagt, was er dazu denkt." Dabei könne es wichtig sein, dass sie als Urlauberseelsorgerin eine anonymere Gesprächspartnerin sei als der Gemeindepastor zu Hause. "Nicht jeder möchte, dass der andere genau weiß, wie es in seiner Seele ausschaut." Auch bei anderen Angeboten kämen oft Gäste, die sonst keine Kirche besuchten. Besonders beliebt seien Strandandachten unter freiem Himmel.

 

Selmayr studierte nach dem Abitur in Lüneburg Betriebswirtschaft verbunden mit Angewandten Kulturwissenschaften und beschäftigte sich dabei auch mit Tourismusmanagement. Später studierte sie in Bethel, Münster, Jerusalem und Göttingen Theologie. Nach einem Vikariat in Emden und fünf Jahren als Pilgerpastorin in Loccum war sie Gemeindepastorin in Selsingen, bevor sie nach Cuxhaven kam.

 

 

„Schauen, dass nichts Jesus die Show stiehlt“

Interview in der Evangelische Zeitung
am Sonntag 12.November 2017

von Hans-Christian Roestel

Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr aus Cuxhaven im Gespräch über die schönen und anspruchsvollen Facetten ihres Berufs.

Seit vier Jahren ist Pastorin Maike Selmayr Urlauberseelsorgerin im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln an der Nordseeküste. Zum Ende der Hochsaison Grund genug, mit ihr über das zu Ende gehende Jahr und das bisher Erreichte, aber auch Wünsche für die Zukunft zu sprechen.

 

Roestel: Auch wenn der Sommer in diesem Jahr eher durchwachsen war – wie fällt als Pastorin in der Urlauberseelsorge Ihr Fazit aus?

 

Selmayr: Es war ein fruchtbarer Sommer, auch wenn viele Freiluftangebote verregnet waren. Im Vordergrund stand das Reformationsjubiläum. Jeder Gast sollte dazu eine Veranstaltung in der Woche besuchen können. So gab es eine Lutherpredigtreihe und Dialoge über „Grundbegriffe der Reformation“ oder die Frage, was „Reformation heute“ ausmacht. Für die Urlauber ist dabei die Begegnung mit Kurpastoren und ihrer Themenvielfalt spannend. Sie kommen aus ganz Deutschland und sind für zwei bis vier Wochen im Amt. Auch die Gute-Nacht-Geschichte wird von ihnen erzählt. Sie hat hier die längste Tradition. Erstmals hat ein pensionierter Lehrer ein „Offenes Singen“ ausprobiert. Da sind oft bis zu 50 Gäste dabei! Das ist im Moment der Renner!

 

Jetzt, da die Urlaubssaison fast dem Ende entgegen geht: Wie sieht Ihre Arbeit in der Urlaubsseelsorge in den kommenden Monaten aus?

 

Im Grunde genauso wie im Sommer! Ich lade auch in der ruhigen Jahreszeit jeden Tag zu einer Veranstaltung ein – auch wenn hier viele Hotels zu sind oder renovieren. Die Duhner Urlauberkapelle am Robert-Dohrmann-Platz ist das Herzstück der Urlauberseelsorge im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln. Die ehemalige Scheune ist den ganzen Tag offen. Es brennt dort immer eine Kerze. Die heimelige Atmosphäre möchte einen Raum der Begegnung schaffen. Dazu trägt auch die Querflöte bei, die ich bei Andachten spiele. Sie gehört zu mir ebenso wie das Singen. Musik spricht Emotionen an. Das hilft, dass Gott bei den Menschen ankommen kann. Darum geht es zu allen Jahreszeiten.

 

Was macht Urlauberseelsorge im Wesentlichen aus, was zählt zum Besonderen?

 

Das Wort Gottes draußen an der frischen Luft zu erleben. Im Juli und August halte ich daher jeden Sonntagabend um 20.30 Uhr an der Kugelbake eine Strandandacht manchmal auch mit Taufe im Meerwasser. Da kommen in der Regel zwischen 20 und 60 Gäste – je nach Wetter. Dabei ist der Aufwand der gleiche, ob jemand kommt oder nicht. Drei Freiluftgottesdienste im Sommer waren ein besonderes Erlebnis für alle, die ausgehalten haben. Bei heftigen Regenschauern und Sturmböen versammelt im Glauben, das schweißt zusammen… Ja, es ist ein Wagnis, draußen das Wort Gottes zu verkünden im Umfeld all der Einflüsse, die ablenken könnten – zu schauen, dass nichts Jesus die Show stiehlt!

 

Welche Herausforderungen hat die Seelsorge am Feriengast noch?

 

Die Urlauberseelsorge ist am Urlaubsort eine „Anbieterin“ unter vielen. Sehr am Herzen liegt mir eine gute Zusammenarbeit mit Kurverwaltung, Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel. Ihre Angebotspalette möchte ich sinnvoll ergänzen. Die Urlauberkapelle liegt ja mitten im Trubel! Hier finden Menschen Entschleunigung und einen Ruhepol – eben „Sorge für die Seele“. Und das wird angenommen! Gerade habe ich die 20 000 vollgemacht – so viele Gebetskerzen sind übers Jahr in der Kapelle angezündet worden. Doch Urlauberseelsorge findet im ganzen Kirchenkreis statt. Im Sommer bin ich viel unterwegs und nutze das Raumangebot der eindrucksvollen Kirchen für meine Veranstaltungen. Mit einer 25% Stelle bin ich außerdem Pastorin an der Martinskirche in der Innenstadt von Cuxhaven und lade hier Einheimische und Urlauber gerne zu Konzerten im Kirchraum ein. Da musizieren meist Laien aus der Gegend – Kirchenmitglieder für Kirchenmitglieder, wenn Sie so wollen! Da sind Gospels ebenso zu hören wie „Best of classic“ oder Jazz. Der Gedanke ist das Miteinander, ein sich gegenseitiges Beschenken. Da findet Gemeindeaufbau statt vor Ort und am Urlaubsort.

 

Wie kommt man an diese nicht alltägliche pastorale Stelle? 

 

Schon meine erste Pfarrstelle war eine übergemeindliche.  Ich wurde im Kloster Loccum als erste evangelische Pilgerpastorin ordiniert. „Kirche am anderen Ort“ hat für mich einen besonderen Reiz, weil Menschen hier für Gott anders aufgeschlossen sind. Auch spielt die Kombination meiner drei Abschlüsse eine wichtige Rolle: Zuerst habe ich Betriebswirtschaft und Angewandte Kulturwissenschaften studiert, später noch Theologie. Der Charakter von Pionierarbeit begleitet mich. Wie schon als Pilgerpastorin finanziere ich auch hier in Cuxhaven alle Angebote aus Spenden und Zuschüssen, denn die Urlauberseelsorge verfügt – da sie keine Kirchengemeinde im klassischen Sinne ist -  über einen Sachkostenetat von Null. Doch ich hatte von Anfang an die Vision, dass es für Urlauberseelsorge im größten Nordseeheilbad Deutschlands ein Nachfragepotential gibt. Daraus ist ein Konzept entstanden, das einerseits auf Wirtschaftlichkeit achten muss, andererseits zu geistlicher Tiefe in der Begegnung mit der Urlauber-„Gemeinde“ führt.

 

Und was hat Sie in die Urlauberseelsorge an der Nordseeküste geführt?

 

Aufgewachsen bin ich in Karlsruhe. Doch Familienurlaube an der Nordsee mussten sein! Ich träumte davon, Kurdirektorin auf einer Nordseeinsel zu werden oder Managerin des Schleswig-Holstein-Musikfestivals. Die erste Studienzeit führte mich in den Norden nach Lüneburg. Dort war ich Kirchenvorsteherin und Lektorin in der Martin-Luther-Gemeinde. Ihr widmete ich meine Examensarbeit über „Marketing in der Kirche“, bevor ich beschloss, doch noch Pastorin zu werden. Beim Vikariat in Emden haben die Menschen am Deich mein Herz berührt. Als Selsinger Pastorin habe ich meine freien Tage in Cuxhaven verbracht. Urlauberseelsorge an der Nordseeküste – das ist „meine“ Berufung! Die Weite von Himmel, Erde, Luft und Meer lässt mich atmen, Gottes Liebe spüren und aus seiner Fülle schöpfen. Dazu die kulturelle und landschaftliche Vielfalt des Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln, das ist doch wirklich vermarktungswürdig, wenn man so sagen möchte…

 

Lassen wir zum Schluss einmal den Blick schweifen über die Elbmündung Richtung offenes Meer: wo liegen für Sie die nächsten Ziele oder Träume?

 

Ich bete, dass Urlauberseelsorge Segen bringt und sich weiterentwickeln darf. Dazu brauchen die Urlauber die Kapelle als Zentrum. Sie ist das älteste Gebäude in Duhnen, von allen geliebt, aber hochgradig sanierungsbedürftig. Es liegt mir sehr am Herzen, diesen Standort in die Zukunft zu bringen und ihn für die kommenden Generationen einer Urlaubergemeinde zu reformieren.

 

SEELSORGE ZWISCHEN STRANDKORB UND WATTWAGEN

Nachricht Cuxhaven, 15. August 2016

 

Die evangelische Pastorin Maike Selmayr begleitet Urlauber im Nordseebad

Cuxhaven (epd). In der aufkommenden Dämmerung schiebt sich ein gewaltiger Containerfrachter an der Cuxhavener Kugelbake vorbei. Zeit für Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr, etwas weiter unten am Strand ein hölzernes Kreuz aufzustellen. Regelmäßig feiert sie hier am Wahrzeichen der Stadt Cuxhaven und am nördlichsten Punkt Niedersachsens eine abendliche Strandandacht, zu der Urlauber sogar bei Orkanböen kommen. Es gibt in ihrer Arbeit auch Momente, in denen Feriengäste wegen einer Krise vor allem das Gespräch suchen.

Heute Abend aber ist etwas Besonderes zu feiern: Eine Urlauberin will sich von Selmayr im Meer taufen lassen. Sie habe hier schon als Kind Ferien gemacht, erzählt die 42-jährige Berlinerin Jana Westen. "Und die Kugelbake war für mich immer ein Ort, zu dem man hinlaufen muss, um einen weiten Blick zu bekommen und über sich nachzudenken."

Zu sich kommen - dazu will auch die evangelische Pastorin Selmayr mit ihrer Abendandacht unter dem weiten Himmel der Nordsee beitragen. Gerade spielt sie für die spontan versammelte Urlaubergemeinde und den "Täufling" auf der Querflöte. Die Gruppe nimmt die Berlinerin im weißen Taufkleid in ihre Mitte und streckt segnend die Arme. "Durch Sonnentage, Stürme und durch Regen hält der Schöpfer über Dir die Wacht", singen sie an dem Ort, der den Blick über das Watt bis zum Horizont freigibt.

Seit drei Jahren arbeitet Selmayr als Urlaubsseelsorgerin in Cuxhaven, dem mit rund 3,5 Millionen Übernachtungen größten Nordseeheilbad Deutschlands. Sie folgt damit wie Jana Westen einer Kindheitssehnsucht: "Regelmäßig bin ich mit meinen Eltern von Karlsruhe aus im Urlaub an die Nordsee gefahren. Hier bekam ich Luft, hier wehte immer ein frischer Wind. Ich schaute übers Meer und war glücklich."

In diesen Wochen sind es insbesondere Gäste aus Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland, die wohl ähnlich empfinden und sich am zehn Kilometer langen Strand zwischen Cuxhaven und den Ortsteilen Duhnen, Döse und Sahlenburg tummeln. Urlaub - das ist Sehnsucht nach Freiheit, Neues erleben, weit weg von Pflichten und Terminen.

Selmayr lädt dazu ein, neben dem Sonnenbad im Strandkorb und Ausflügen im Wattwagen auch in der Kirche Abstand vom Alltag zu gewinnen. Rund 500 Veranstaltungen organisiert sie im Jahr, "Gutenachtgeschichten" und die Strandandachten sind besonders beliebt. "Hier kann man alles hinter sich lassen und im Watt auf dem Meeresboden das Leben spüren", sagt die Pastorin. "Was uns im Alltag so groß erscheint, relativiert sich hier angesichts der Schöpfung."

Mit ihr sind in diesem Jahr Hunderte Haupt- und Ehrenamtliche für die Kirche im Tourismus zwischen Nordseeküste und Alpengipfeln unterwegs. Urlaubsseelsorger der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) arbeiten überdies an mehr als 70 Orten in ganz Europa. "Wir sind auch auf Kreuzfahrtschiffen präsent - und da gibt es einen ganz besonders hohen Bedarf", sagt Oberkirchenrat Michael Schneider, der für die Urlaubsseelsorge der EKD verantwortlich ist. "Sorgen und Nöte aus dem Alltag begleiten die Menschen eben bis in den Urlaub - und auf dem Schiff gibt es keine Möglichkeit, dem zu entfliehen."

Es sind oft Ältere, die erst kürzlich ihren Partner verloren haben und nun das Gespräch mit dem Seelsorger suchen. Das kennt auch Maike Selmayr. "Wenn der Alltag in den Hintergrund rückt, bleibt Zeit zum Nachdenken. Dann kommen Trauer, Ängste und Sorgen hoch. Oder Eheprobleme beispielsweise nach einem Seitensprung". Manchmal reicht es schon, dass die Ferienwohnung nicht passt oder es drei Tage lang regnet - "dann kann es richtig knallen".

Es sind nicht wenige, die dann Selmayr ihr Herz ausschütten. "Da hilft die Anonymität am Urlaubsort", ist die 43-jährige Theologin und ehemalige Pilger-Pastorin der hannoverschen Landeskirche überzeugt. "Manchmal scheint es leichter, mit jemandem zu reden, der im Alltag weit weg ist."

Doch an diesem Abend am Strand der Grimmershörner Bucht vor Cuxhaven scheinen alle Sorgen weit weg. Durchweg lachende Gesichter begleiten die Berlinerin Jana Westen bei ihrer Taufe am Meer, wildfremde Menschen kommen mit Glück- und Segenswünschen auf sie zu. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Westen gerührt.

Damit Urlauber wie in Cuxhaven Angebote der Kirche annehmen, brauche es eine "Willkommenskultur", sagt EKD-Experte Schneider: "Das beginnt bei offenen Kirchentüren und führt über frische Blumen auf dem Altar und einer unkomplizierten Liturgie im Gottesdienst bis zu den Fürbitten, in die die Gäste eingeschlossen sind".

In der Kapelle der Urlaubsseelsorge am Dohrmannplatz in Cuxhaven-Duhnen können Gäste neben dem Altar Kerzen anzünden, wer will, trägt sich ins Gästebuch ein. Am einfachsten aber bleibt der Kontakt bei Freiluftgottesdiensten, sagt Maike Selmayr: "Da muss man keine Schwelle überwinden". Jana Westen jedenfalls hat vor allem der persönliche Kontakt und die offene Art der Urlaubsseelsorgerin überzeugt: "Sie hat mein Herz bewegt." (1011/11.08.16)

Dieter Sell, epd Niedersachsen-Bremen